Um fünf Uhr ins Auto. Eine Stunde später am Ufer — und über dem Wasser stand der Nebel, ganz weiß, ganz still. Dahinter: ein Tag, der mich erst zu den Ödseen führte und dann zu meinem ersten Enzian in diesem Jahr.


Wenn der See noch dampft
Ich war kurz vor halb sechs am Almsee. Eigentlich wollte ich nur ein paar Aufnahmen machen, bevor die Sonne den Nebel auffrisst. Aber dann bin ich stehen geblieben — eine Stunde lang. Der Nebel hing in Schichten über dem Wasser, mal so dicht, dass man die andere Seite nicht sah, mal so dünn, dass ein Bergkamm darüber auftauchte und gleich wieder verschwand.
Eine Ente ist langsam durchs Bild geschwommen, ganz allein. Sonst war kein Geräusch, nur das leise Plätschern vom Schilf am Ufer. Solche Morgen sind selten. Man weiß im selben Augenblick, dass man später daran zurückdenken wird.
Als die Sonne über den Grat kam, hat sie die Bergspitzen freigegeben: das Tote Gebirge mit den letzten Schneefeldern, scharf gegen den Himmel. Vorne der Ahorn, frisch ausgetrieben, leuchtend hellgrün. Frühling und Winter im selben Bild.
Manche Bilder muss man nicht suchen — man muss nur lang genug stehen bleiben, bis sie kommen.
Eine gute Stunde hinauf
Vom Parkplatz am Almsee geht es nach Osten, durch lichten Buchenwald, dann steiler über Wurzeln und Geröll. Der Weg zu den Ödseen ist keiner für Eilige — aber genau das macht ihn schön. Man hört das eigene Atmen, das Knacken im Unterholz, irgendwo einen Specht.
Oben angekommen: zwei kleine, dunkle Seen, eingebettet in eine Senke, ringsum Felswände. Das Wasser steht fast schwarz, weil so wenig Licht herunterkommt. Im Frühjahr ist es eiskalt — ich habe nur kurz die Hand reingehalten. Genug.
Ich habe meine Brotzeit auf einem Stein gegessen, die Beine baumelnd. Niemand sonst da. Das ist das Beste am früh-Aufstehen: das, was man morgens für Mühsal gehalten hat, wird mittags zur ruhigsten Stunde des Tages.

Der erste in diesem Jahr
Auf dem Rückweg, am Wegrand, ein einzelner Tupfen Blau, der nicht in die Umgebung passte — zu satt, zu tief, zu sehr Frühling. Mein erster Enzian dieses Jahr. Ich bin in die Knie gegangen, Kamera flach auf den Boden, das Stativ konnte ich vergessen.
Er stand zwischen vorjährigem Gras, die Blütenblätter sternförmig geöffnet, im Inneren dieses fast schwarze Blau, das man nirgendwo sonst sieht. Ich bin ein paar Minuten dort geblieben. Es ist immer dasselbe Gefühl: Man hat das ganze Jahr darauf gewartet, ohne es zu wissen.
Kamera: Fujifilm X-T4 · Objektive: 18-120 mm f/4,
Stativ: Manfrotto Element Traveller · iPhone für den Enzian
Route: Almsee Westufer → Aufstieg über den Ostpfad → Ödseen → retour
Wetter: 4 °C am Morgen, Nebel bis 9 Uhr, später sonnig, 14 °C
Dauer: 7 Stunden · 14. Mai 2026
Erste Erkenntnis: Früh aufstehen lohnt sich. Wieder einmal.