Es gibt Orte, die man nicht wirklich besucht. Man betritt sie, und sie lassen einen nicht ganz los.
Das Rauriser Tal im Herbst ist so ein Ort. Die Berge tragen schon Schnee, aber unten im Wald ist es noch grün — ein unwahrscheinliches, tiefes Grün, das in der Morgenluft fast leuchtet. Kühl ist es, feucht, still. Der Atem dampft ein wenig.
Wir sind nicht schnell gegangen. Das wäre auch nicht möglich gewesen.
Dieser Wald hat eine Sprache, die man nur hört, wenn man langsam wird. Bäume, die sich in Jahrzehnten ineinander verwachsen haben — zwei Stämme, durch einen gemeinsamen Ast verbunden, als hätten sie sich irgendwann einfach entschieden, nicht mehr getrennt zu sein. Wurzeln, die sich über den Waldboden legen wie Hände, die festhalten, was noch zu halten ist. Ein morscher Stamm, dessen oberes Ende wie eine Skulptur in den Himmel zeigt — ich habe ihn lange angeschaut und immer etwas anderes gesehen.
Der Bach rauscht, ohne sich zu eilen. Ein gefällter Stamm liegt quer darüber, schon halb von Moos zurückgeholt. Irgendwo dazwischen hängt Bartflechte im Gegenlicht — blass, federleicht, unwirklich schön.
Das Besondere an diesem Wald ist, dass er nichts aufräumt. Was fällt, bleibt. Was stirbt, wird zu etwas anderem. Aus alten Stümpfen wächst neues Grün, Pilze suchen sich ihren Weg durch morsche Rinde, Spinnweben verbinden, was eigentlich getrennt wäre.
Diese Bilder sind aus dem Herbst 2017. Lange lagen sie einfach da, irgendwo in einem Ordner — gut, aber noch nicht bereit. Erst jetzt, mit etwas Abstand und dem, was das Leben seither mitgebracht hat, zeigen sie mir, was ich damals wirklich fotografiert habe. Zwei Stämme, die sich halten. Wurzeln, die nicht loslassen. Einen Wald, der sich erinnert.
Am Rand eines kleinen Moortümpels spiegelte sich ein Baum im dunklen Wasser. Daneben ein Maiglöckchenblatt, schon gelb an den Rändern. Der Herbst war längst da, er hat es nur nicht eilig gehabt.
So ein Wald macht etwas mit einem. Man kommt ein bisschen leiser heraus, als man hineingegangen ist.
T O T H O L Z
Kahler Riese, der betagt
Mächtig in den Himmel ragt
Eines Tages, merklich kaum
Fällt er um, der große Baum
Liegt als Totholz nun im Wald
Und im Herzen wird’s ihm kalt
Doch nach einer kurzen Zeit
Macht sich Leben in ihm breit
Und mit Freude stellt er fest
Ich bin ein Insektennest!
Danke an meine Freundin Ingrid Bartsch für dieses passende Gedicht.












