Dem Wasser folgen – drei Tage am Iseltrail
Osttirol · Frühsommer

Dem Wasser folgen – drei Tage am Iseltrail

Iseltrail Osttirol Frühsommer

Tag 1

Strahlend blauer Himmel, keine Wolke weit und breit – so hat Osttirol mich empfangen.

Mit dem Zug nach Lienz zu fahren ist eigentlich schon Urlaub, bevor der Urlaub richtig beginnt. Irgendwo zwischen Salzburg und dem Drautal hört man auf, ans zu Hause zu denken, und fängt an, einfach aus dem Fenster zu schauen. In Lienz angekommen, habe ich erst mal die Füße in die Stadt gestreckt – den Hauptplatz, die Gassen, das entspannte Südtirol-Flair, das man hier auch spürt, obwohl man eigentlich in Österreich ist. Und natürlich: die Isel gesucht. Wegen des Iseltrails. Das milchig-graue Gletscherwasser hat mich sofort in seinen Bann gezogen – diese Farbe, dieses Türkis-Grau, das nach oben zeigt, nach Eis und Fels und Höhe. Ich hab den Einstieg zum Trail gefunden, ihn schon mal mit den Augen abgegangen und mir gedacht: morgen.

Heute Abend aber war die Burg dran. Ich wollte den Sonnenuntergang von oben erwischen – und das Licht hat mitgespielt, wie ich es mir kaum zu träumen gewagt hätte. Zuerst legten sich die letzten Sonnenstrahlen ganz sanft über die Felsen an der Isel, das Wasser leuchtete seidenmatt in der Langzeitbelichtung, die Brücke spiegelte warmes Gold. Und dann – als hätte jemand einen Dimmer langsam aufgedreht und dann mit einem Ruck voll aufgerissen – wurde der Himmel über den Lienzer Dolomiten pink. Knallig, dramatisch, fast unwirklich. Die Gipfel standen wie Kulissen dagegen, orange glühend, während das Tal schon im Schatten verschwand. Ich habe irgendwann aufgehört zu fotografieren und nur noch geschaut.

Guter erster Tag.

Tag 2

Der Wecker klingelt früh, aber das macht nichts — draußen liegt das Tal noch im Morgendunst, und ich bin schon wach. Mit dem Bus geht es nach Virgen, einem kleinen Dorf, das sich so unauffällig in die Bergwelt schmiegt, als wollte es gar nicht entdeckt werden. Von hier aus starte ich auf den Iseltrail Richtung Prägraten, und von der ersten Minute an weiß ich: dieser Tag wird einer von denen, die man nicht so schnell vergisst.

Die Isel begleitet mich den ganzen Weg. Was für ein Wasser das ist — dieses unwahrscheinliche Türkisblau, das aussieht, als hätte jemand Farbe hineingeschüttet, und das doch völlig echt ist: reines Gletscherwasser aus dem Inneren der Venedigergruppe. Ich stehe immer wieder an den Uferfelsen und starre einfach hinein. In den Schluchten wird der Weg enger, das Licht schiebt sich in schmalen Bahnen zwischen die Felswände, das Rauschen wird lauter. Ich mag diese Stellen, wo die Berge sich zusammenziehen und man kurz das Gefühl hat, durch etwas Lebendiges hindurchzugehen.

Das Highlight des Tages ist eine Hängebrücke über eine tiefe Schlucht — und ich sage „Highlight“ in dem vollen Bewusstsein, dass mein Adrenalin etwas ansteigt. Der Blick geradeaus über die schwankenden Planken, das Tal weit unten, der Schnee auf den Gipfeln im Hintergrund. Ich fotografiere alles: von der Seite, von unten, von oben. Einmal muss ich einfach kurz stehen bleiben und atmen.

Zwischendurch entschädigt die Landschaft mit einer anderen, stilleren Schönheit: Almhütten mit verwitterten Holzstadeln, Holunderblüte an alten Mauern, Wildorchideen versteckt im Gras. Und das Wollgras! Schon am frühen Morgen hatte ich mich hingekniet und die taubedeckten Schöpfe gegen das Licht fotografiert — dieses Weiß, das leuchtet, als wäre es aus Seide. Prägraten erreiche ich müde, aber mit dem vollen, angenehmen Gewicht eines Tages, der sich gelohnt hat.

Tag 3

Der Wecker hat an diesem Morgen eigentlich gar nicht gebraucht – ich war einfach wach, noch bevor das Licht durch die Vorhänge sickerte. Als wüßte man, dass man diesen letzten Tag nicht verschlafen darf. Kurz nach sechs stand ich am Ufer der Isel, fröstelnd, eine Jacke hätte es wirklich gebraucht, aber irgendwie gehörte die Kühle dazu. Der Morgentau hing auf jedem Blatt, auf jeder Wildblume, auf den Steinen – alles glitzerte so still und unwirklich, dass ich lange einfach nur dastand, bevor ich überhaupt die Kamera auspackte. Die Etappe 1 des Iseltrails Richtung Iselsberg hatte ich für mich allein. Kein Mensch, kein Laut außer dem Wasser.

Und was für ein Wasser. Die Isel am frühen Morgen ist ein eigenes Wesen – dieses sagenhafte Türkisblau, das man kaum glauben kann, und bei Langzeitbelichtung wird sie zu purem Seide, die um die Felsen gleitet. Ich habe viel zu viele Auslösungen gebraucht, bis ich aufgehört habe zu fotografieren, weil ich einfach nur zuschauen wollte. Das kleine Bäumchen zwischen den Felsen, die Wildblumen am Ufer, das Licht, das sich langsam in die Schlucht tastete – Momente wie diese sind der eigentliche Grund, warum ich mit der Kamera wandere.