Sechs Uhr morgens, Traunsee Ostufer, Gmunden. Die Luft war anders als in den Tagen davor — schwer von der Hitze gewesen, jetzt plötzlich frisch, fast kühl. Das nächtliche Gewitter hatte alles verändert.
Ich wollte diesmal nicht fotografieren. Nur gehen. Die letzten heißen Tage steckten mir noch in den Knochen, und manchmal braucht man einen Weg ohne Auftrag, ohne Kamera um den Hals, ohne den Gedanken ans nächste Bild. Nur das Smartphone in der Tasche — für alle Fälle, dachte ich. Wie sich zeigen sollte, war das mehr als genug.
Die Kaltenbachwildnis war an diesem Morgen menschenleer. Jeder Stein, jede Wurzel tropfnass, glänzend im ersten Licht. Eine Fichte krallt sich mit ihren Wurzeln um einen moosbewachsenen Felsblock, als hätte sie keine andere Wahl gehabt, als genau dort zu wachsen. Ein wenig weiter liegt ein Wurzelstock am Wegrand wie ein erstarrtes Tier — Geweih, Klauen, eine Gestalt, die man erst beim zweiten Hinsehen versteht. Das Smartphone in der Hand, schnell, unkompliziert — und trotzdem war jedes Bild da, das ich brauchte.
Dann öffnet sich die Schlucht. Nebelfetzen hängen noch zwischen den Felstürmen, Reste des Gewitters von der Nacht, die sich nur langsam auflösen wollen. Die Felsnadeln stehen grau und scharf gegen den Himmel, mit Bäumen, die sich oben am Grat festhalten, dort, wo man es ihnen kaum zutrauen würde. Ich war erstaunt, wie viel Stimmung so ein kleines Gerät einfangen kann, wenn man nur genau genug hinschaut.
Ich bin allein. Kein Weg-Lärm, kein Gerede, nur das Tropfen vom letzten Regen und meine eigenen Schritte auf dem nassen Schotter.
Zurück war ich rechtzeitig zum Frühstück. Aber etwas von diesem Morgen ist geblieben — diese Stille nach dem Gewitter, dieses Glück, einfach dagewesen zu sein. Und die Erkenntnis: Man muss nicht immer die große Kamera dabeihaben, um zu sehen. Manchmal reicht das Smartphone in der Tasche — und der Wille, stehen zu bleiben.
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