Manche Wesen wohnen nicht im Wald. Sie entstehen erst, wenn man hinschaut.
Ich war zu früh dran für Sven und seiner Frau. Er in der Nähe auf Urlaub, wir hatten uns am Traunsee verabredet, aber bis dahin blieb Zeit für einen Umweg. Und ein Umweg durch die Kaltenbachwildnis ist eigentlich kein Umweg. Eher ein eigenes Ziel.
Der Pfad dort tut sich schwer, zwischen Weg und Wurzelwerk zu unterscheiden. Buchenwurzeln legen sich über den Stein, breit wie Finger, die sich festhalten an etwas, das schon lange nicht mehr wackelt.
Zwischen den Blättern, tief unten, wo das Licht kaum noch hinkommt, ein violetter Fleck, verschwommen, fast schwebend. Kein Wesen. Nur Licht, das sich in der Linse gebrochen hat. Aber genau in diesem Moment war es beides.
Wer langsam genug geht, findet Gesichter. Ein Blatt, halb gezeichnet vom Mehltau, schwarz und grün gesprenkelt wie eine Maske, die jemand vergessen hat abzunehmen.
Ein Baumstumpf mit Efeu über der Schulter, Gras, das ihm bis zu den Füßen hängt. Er sitzt da, seit Jahren schon, unbewegt, und schaut niemanden an.
Weiter oben, im dichteren Teil des Waldes, standen die Buchen so eng, dass sich das Licht zwischen ihnen zerteilte, statt hindurchzufallen.
Und dann die Wurzeln, die sich über den moosbewachsenen Fels legten wie ausgestreckte Arme, grün an den Gelenken, grau an den Enden.
Ein Ast, der sich um einen Stamm wand, glatt und rotbraun gegen die raue Rinde. Darüber, wo Rinde und Ast sich trafen, ein Auge. Nicht gemalt, nicht gesucht. Einfach da.
Auf einem Felsvorsprung hing Gras, vertrocknet und blond, wie Haar über eine Schulter aus Stein.
Kurz vor dem Ausstieg aus dem Wald ein Pfaffenhütchen in Rot, hell genug, um sich gegen das Grün zu behaupten.
Der Wald erfindet nichts. Er zeigt nur, was schon immer da war, wenn man lange genug hinsieht.
Dann, oben am Grat, bewegte sich etwas, das kein Wurzelwerk war. Eine Gämse, ruhig zwischen zwei Bäumen, die Silhouette scharf gegen den dunklen Himmel. Sie sah nicht weg, nicht sofort.
Der Himmel selbst hatte sich inzwischen verdüstert. Die Felstürme der Kaltenbachwildnis standen schwarz gegen die Wolken, als wollte das Wetter dem Wald recht geben: Hier ist nichts harmlos gemeint.
Von oben der Blick auf den See, die Berge, die kleinen Dächer von Traunkirchen am gegenüberliegenden Ufer.
Dann der Ausstieg, und mit ihm der See. Nach dem Halbdunkel des Waldes lag der Traunsee plötzlich weit und hell da, ein einzelnes Boot, verankert, als hätte es nirgendwohin zu eilen.
Dann trafen wir fast gleichzeit an der verabredete Stelle ein. Ein Kaffee im Schloß Ort ein Gespräch, das dort weitergeht, wo man es beim letzten Mal stehen gelassen hat, das ist selten. Und schön, wenn es passiert.
Auf dem Weg nach Gmunden noch ein Zwischenstopp: Schoß Ort mit ihrem Arkadenhof und den weißen Kaminen, die wie eine kleine Prozession über das Dach ziehen.
Eine Tür, halb im Schatten, mit der Aufschrift „zum Trauungssaal“, Geranien davor in Rot und Gelb, als wüssten sie, dass hier feierliche Dinge stattfinden.
Und der Turm von Schloss Ort, weiß und schmal, über den Holzsteg gesehen, mit einer einzelnen Wolke, die senkrecht über ihm stand, als hätte sie sich extra dafür Zeit genommen.
Zum Schluss Gmunden, der Rathausplatz. Und dort, wo sonst Brunnen oder Denkmäler stehen, ein grünes Männchen, überlebensgroß, die Kamera vor dem Gesicht, als würde es selbst gerade fotografieren, was es sieht.

Der Wald hatte seine Gestalten aus Wurzeln und Zeit gemacht, ohne Absicht. Dieses hier ist mit Absicht gemacht, aus Farbe und Form, und steht trotzdem genauso still da wie alles andere, das man an diesem Tag gefunden hat. Vielleicht ist der Unterschied gar nicht so groß.
Kurz & bündig
Strecke: Kaltenbachwildnis - Traunsee - Gmunden
Höhenmeter: 200 m Distanz: 8 km
Datum: 16.9.2026
Kamera: Fujifilm, Objektiv 18-120 mm, Iphone 17 pro
















